Die Nordsee ist eine verflossene Liebe

Ich habe heute Sehnsucht nach dem Meer. Weil es so furchtbar windig ist. Alles fliegt davon und geht kaputt. Herrlich. Bedrohlich. Sehnsucht nach Gammelsalzgischtluft und Möwen. Dabei habe ich kaum eine Verbindung zum Meer – nur die von damals, als ich es zum ersten Mal sah, mit 12 oder 13.
Klassenfahrt: Borkum.
Und ich habe mich sehr danach gesehnt in das kalte, große Meer zu gehen und darin für immer einzuschlafen. Dass die Wasserleichen in Dänemark angespült würden, haben sie uns damals erzählt – das gefiel mir nicht. Und ich wusste auch, dass es kein ruhiges einschlafen wäre. Feige war ich auch schon immer: Mein großes Glück.
Heute denke ich, dass man vielleicht einfach in dem vielen Wasser ganz verschwinden kann. Es gibt doch genügend Fische und Vögel, die einen zerpicken können, bevor man nach Dänemark gereist ist? Aber es spielt gar keine Rolle mehr, denn ich habe einen verbindlichen Vertrag und halte es hier aus, bis mich unverschuldet der Blitz trifft oder ich eines anderen natürlichen Todes versterbe. So jedenfalls war das mit dem Meer, der Nordsee. (Und mit dem Vertrag.)
Manchmal ist es wie eine verflossene Liebe. Eine, die einem aus den Fingern rann wie Salzwasser, das die Sandkörner in der Handfläche nach und nach mit sich fortspült.


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